Sehen lernen - World Press Fotoausstellung

„Was ist der Unterschied zwischen einem Pressefoto und einem Foto der Mode- oder Werbebranche bzw. einem Foto, das ihr schießt?“ Das war die erste Frage unserer Vermittlerin, die die Schüler und Schülerinnen der 3AK an einem Freitagnachmittag Anfang Oktober durch die Ausstellung in der Galerie Westlicht führte. Die Antwort war gar nicht so leicht! Sie lautet: Es ist nicht inszeniert. Und es darf nicht bearbeitet oder irgendwie verändert werden!

Die Krone.at hat das dennoch getan und wurde dafür beim Presserat angezeigt. (Foto von Michel Reimon bei einer Demo während des EU-Gipfels in Salzburg, nachzulesen im FALTER 39/18) Die heuer gezeigten Fotos sind faszinierend schön und oft gleichzeitig brutal und grausam. Lesen Sie mehr zu dem von Mirela Hodzic gewählten Foto „Banned beauty":

Das Foto „Banned beauty“ aus der World Press Fotoausstellung 2018 zeigt Veronica aus Ostkamerun, 28 Jahre alt, die die Brust ihrer Tochter Michelle, 12 Jahre alt, massiert, während ihr die anderen Kinder zuschauen.

Das Foto wurde von der ägyptischen Fotografin Heba Khamis geschossen und veröffentlicht. Sie ist eine Fotografin, die sich auf soziale Geschehen konzentriert, die oft ignoriert werden. Sie interessierte sich für die Dokumentation sozialer Probleme in Afrika und machte durch das Foto auf die Tradition des Brustbügelns in Kamerun und anderen Gegenden aufmerksam.

Bild Brustbügeln

Das Bild zeigt einen sehr privaten Moment zwischen Mutter und Tochter. Die Mutter erklärt ihrer Tochter, dass es nötig sei, ihre Brüste zu bügeln. Die Tochter versteht nicht ganz, sondern macht einfach das, was ihre Mutter von ihr verlangt. Das Gesicht des Mädchens zeigt ihren schockierten Blick, doch sie scheint auch abwesend zu sein, wahrscheinlich aufgrund der Schmerzen. Die anderen Kinder schauen zu und machen einen ängstlichen Eindruck.

Brustbügeln ist eine Tradition in Kamerun, die das Massieren oder Flachdrücken der Brüste von pubertierenden Mädchen erfordert. Dieses Kneten oder Plattdrücken führt zur Verlangsamung des Brustwachstums oder gar zum Stillstand des Wachstums. Dies wird im Glauben ausgeführt, den körperlichen Reifeprozess des Mädchens zu hemmen und dadurch Vergewaltigungen und sexuelle Übergriffe zu verhindern. Brustbügeln wird im Normalfall von der Mutter des Mädchens oder von einer älteren Verwandten durchgeführt.

Die Techniken unterscheiden sich von Region zu Region. Manche Frauen bevorzugen es, die Brüste mit einem Gürtel zurückzubinden, andere wiederum erhitzen Steine und legen diese auf die nackte Brust. Die Brust wird mit dem heißen Stein massiert oder er wird auf die Brust gepresst und zerstört so das Bindegewebe.

Obwohl diese Tradition vor allem in Kamerun praktiziert wird, kommt das Brustbügeln in einigen Ländern West- und Zentralafrikas auch vor. Laut lokalen NGOs sind bereits 25% der Frauen zumindest einmal dem Vorgang des Brustbügelns unterzogen worden, in manchen Gegenden sogar bis zu 50% der Frauen. Mütter erklären, dass diese schmerzvolle Prozedur ein Akt der Liebe sei, um sicher zu gehen, dass ihre Töchter nicht frühzeitig schwanger werden. Dadurch hätten die Mädchen eine Chance auf einen Job oder eine schulische Ausbildung.

Da es zu dieser Tradition kaum medizinische Forschungen gibt, ist auch nur sehr wenig bekannt. Man weiß aber, dass das Brustbügeln psychische und physische Folgen hat. Die Mädchen sind unzähligen gesundheitlichen Problemen ausgesetzt, die zurückzuführen sind auf Gewebeschäden und Infektionen.

Ich denke, dass es furchtbar ist, den weiblichen Körper auf irgendeine Art und Weise zu verstümmeln. Brüste sind ein Teil des weiblichen Körpers, der nicht nur als sexuelle Komponente angesehen werden sollte. Brüste sind dazu da, um Babys zu stillen. Wenn die natürliche Nahrungsquelle der Babys zerstört wird, leiden nicht nur die Mütter darunter, sondern auch die Neugeborenen. Es ist eine Schande seinen Körper verstecken zu müssen. Es ist eine Schande zu behaupten, dass die weibliche Brust lediglich der Sexualität dient. Durch diese falschen Meinungen müssen Mädchen ihren wunderschönen Körper unfreiwillig zerstören lassen.

(Bildnachweis: https://www.worldpressphoto.org/collection/photo/2018/contemporary-issues/heba-khamis)